Dienstag, 14. April 2015

#Selbstinszenierung


Ob in der Bahn, im Schnellimbiss oder beim Feiern: Überall Menschen, die sich eifrig selbst fotografieren, um ihre Momentaufnahmen hinterher auf sozialen Netzwerken zu posten. Ob „Shoppen mit den Besten“, „Läuft bei uns“ oder irgendein pseudo-origineller Spruch über Liebe, Freundschaft oder schlichtweg das Leben, überall wimmelt es von banalen Informationen, die pausenlos über den Newsfeed laufen. Das Leben der Mediennutzer erscheint bunt und aufregend. Alle sind auf Reisen, alle sind top gestylt, sehen gut aus, alle sind mit ihren Freunden unterwegs und essen fantastisches Essen.  Retro-Filter, Weichzeichner und andere Fotoeffekte verleihen den Bildern erst ihren Glanz, ihren ganz besonderen Ausdruck und machen das Event perfekt. Besonders exzessiv wird dies mittels der sich außerordentlicher Beliebtheit erfreuenden Foto-und Video-Sharing -App Instagram betrieben. Wer kennt das nicht? Fotos mit schönen Mädchen auf einer Sommerwiese in Top und Hotpants, hiper Sonnenbrille und wehendem langen Haar, die glatt  einem H&M-Katalog entsprungen sein könnten. Junge Leute posieren wie Models und präsentieren ihren Mode-und Lifestyle und stellen nicht selten ihre poetische Ader mit  Sprüchen wie „Don´t dream your life, live your dreams“ unter Beweis. Auch der Selfie-Boom scheint nicht abzureißen,- ob mit Duckface oder vorm Wandspiegel, mit Stirn gerunzeltem  Gangsterblick,  bauchfreiem Sportoutfit oder mit dem Liebsten, darunter eine ganze Liste passender Hashtags. #Lovehim, #boyfriend, #love.  In Real Life kann man seine Praktizierung hautnah beobachten. Zum Beispiel im Café. Zwei junge Freundinnen trinken einen Kaffee zusammen oder doch nicht? Wieso blickt die eine so regungslos auf ihren Plastikbecher? Bei längerer Betrachtung stellt sich heraus, dass selbst der Kaffeklatsch im sozialen Netzwerk etwas hermachen muss und daher gekonnt in Szene gesetzt wird. Die junge Frau posiert mit niedergeschlagenen Fliegenbeinwimpern vor ihrem Latte Macchiatio, während sie von ihrer Freundin per Smarthphonekamera abgelichtet wird. Lasst mich raten. #Coffee, ‚#Starbucks?

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel. Man sitzt nichtsahnend in der Bahn, denkt sich nichts Böses und plötzlich steigt eine Gruppe junger Mädchen mit bestimmt zwanzig prall gefüllten Primarktüten im Schlepptau ein. Kaum haben sie sich gesetzt, zückt die Anführerin ihr Handy  und im Nu stecken sie alle ihre hübschen Pferdeschwanz-Köpfchen zusammen und setzen ihr  Schokoladenlächeln auf. Nach Betätigung des Auslösers stürzen sie sich gierig auf das Ergebnis. Jede will es sehen. Aber es herrscht sichtbare Unzufriedenheit: „Wir sehen ja alle scheiße drauf aus“, sagt eine und fummelt  dabei an ihren Haaren rum, „Nochmal!“ Nach zwölf weiteren Versuchen scheint der Gruppenselfie endlich gelungen zu sein. #Shoppingtour, #Mädelstag.

Warum das alles? Es liegt in der Natur des menschlichen Wesens sich seinen Artgenossen mitteilen zu wollen und nach ihrer Anerkennung zu suchen. Wir wollen Aufmerksamkeit, wir wollen beachtet werden. Wer bekommt nicht gerne ein Kompliment oder freut sich über ein kleines Lob?  Im Zeitalter der sozialen Medien verlagern wir das Bedürfnis nach Selbstdarstellung in die virtuelle Welt.  Wir lernen schnell, was gut ankommt und passen unsere Posts den Vorlieben der anderen an. Wir posten bevorzugt banale Dinge, die sich leicht konsumieren lassen und erhoffen uns ein positives Feedback. Sprich, wir werden konditioniert.  Dabei kommt das Foto von selbstgebackenen Cupcakes meist besser weg, als ein zum Schmunzeln anregender politischer Kommentar über aktuelle innenpolitische Debatten. Dazu Kommentare wie „Selbst gemacht?“ oder „neues Rezept?“. Auf Instagram  liest man zu den schlanken Mädels in Top und Hotpants ausschließlich Kommentare wie „Du Schöhnheit“ oder „Wo hast du diese Schuhe gekauft“? Leute, die ihr Essen abfotografieren, Schnappschüsse von ihren Haustieren ins Internet stellen, ihre neusten Shopping-Errungenschaften präsentieren oder einfach nur auf einer Blumenwiese Eis essen haben hunderte von Followers oder Abonnenten. Ich hab diese triviale Selbstdarstellung, diese oberflächliche Selbstvermarktung satt. Ganz besonders die Retro-Bilder von Bloggergirls in ihren Hipsterklamotten. Die wenigsten werden es vielleicht zugeben, aber es ist ein Wetteifern. Wer sieht besser aus? Wer hat den originelleren Style? Wem steht der Look besser? Wer ist interessanter als man selbst und warum? Wieso ist mein Leben so langweilig? Wieso sitze ich jetzt nicht bei Sonnenuntergang am Strand in einem tollen Kleid? Gibt es nicht wichtigere und schönere Dinge im Leben als die Inszenierung eines digitalen,  optimierten Ichs? Können wir uns nicht einfach mit unseren Freunden treffen und das entspannte Beisammensein genießen ohne gleich ein Gruppenselfie zu schießen oder den selbstgemachten Geburtstagskuchen zu fotografieren und sich einen originellen Spruch zu überlegen?

Für mich steht fest: Je stärker die Persönlichkeit, desto weniger braucht man die Bestätigung.

Und ganz ehrlich, wen interessiert es schon, was sein Arbeitskollege, Kommilitone oder Mitschüler zu Mittag isst?

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